Hommage an Pott, Pütt und Wasser zum Abschied von der Kohle: Der Bergbau machte aus dem Ruhrgebiet eine florierende Region. Alle brauchten immer mehr Wasser. Der Start der Wasserversorgung im Ruhrpott.

Unsere Blog-Serie zum Abschied von der Kohle

Im Dezember 2018 schließt mit Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche. Dann ist die Ära des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet endgültig vorbei. Damit verstummt auch die wichtigste historische „Wurzel“ von Gelsenwasser. Am 28. Januar 1887 starteten wir als „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“. Wasserversorgung und Kohle – das gehörte im Ruhrgebiet zusammen. Ohne Steinkohle würde es Gelsenwasser gar nicht geben.

Grund genug für eine Hommage an „Pott, Pütt, Kohle und Wasser“, daher unsere vierteilige Blog-Serie:

  • Teil 1 – Wie alles begann: Wasser für den Bergbau
  • Teil 2 – Wettlauf mit dem Wasserverbrauch: Trinkwasser für Pott und Pütt
  • Teil 3 – Wirtschaftswunder mit Wasserrekord
  • Teil 4 – Bergbau adé: „Auf“ den Pott ohne Pütt

Glück auf und viel Spaß beim Lesen!

Der Pott, die Kohle und das Wasser – die Geschichte des Ruhrgebiets ist auch die von Gelsenwasser

Mit der Industrialisierung wird aus den vielen Dörfern zwischen Ruhr und Lippe eine florierende Wirtschaftsregion. In nur 75 Jahren wächst die Bevölkerung von 400.000 (1850) auf 3.800.000 (1925) Menschen. Aus dem „Ländle“ wird einer der größten Ballungsräume Europas: das Ruhrgebiet, der Pott.
Der Grund für die „Expansion“ war der Steinkohle-Bergbau. Das schwarze Gold wurde unter Tage für die Eisen- und Stahlproduktion abgebaut. Die Montanindustrie siedelte in der Nachbarschaft der Zechen, die Arbeiter wohnten im Schatten der Fördertürme und Hüttenschlote.

Das Ende vom Brunnen im Hof

Abschied von der Kohle: Früher gab es die Pumpe im Hof oder an der Straße, an der sich die Menschen mit Wasser versorgten.

Der Brunnen im Hof oder auf der Straße. So sah die Wasserversorgung Ende des 19. Jahrhunderts aus. © GELSENWASSER AG

Ab 1870 ging es für den Bergbau und die Industrie im Ruhrgebiet steil nach oben. Mit der Erfindung der Dampfmaschine entwickelte sich die Fördertechnik weiter und der Bergbau ging von kleinen Stollenbergwerken im Ruhrtal zu großen, industriellen Schachtzechen über. Das Knowhow wuchs, die Transportwege wurden ausgebaut und die Produktion stieg dramatisch.
Immer mehr Kumpel arbeiteten im Bergbau und zogen mit ihren Familien in die Ruhrgebietsstädte. So wuchs beispielsweise Dortmund von 8.000 Einwohnern im Jahr 1850 binnen 50 Jahren auf 150.000 Einwohner an.
Das war auch das Ende der Brunnen im Hof oder auf dem Marktplatz. Industrie und Menschen benötigten viel mehr Wasser, als die privaten oder öffentlichen Brunnen hergaben. Nur sieben Städte in Deutschland hatten 1864 eine Wasserversorgung mit Wasserwerk.
Die Lösung für das Wasserproblem im Ruhrgebiet: eine zentrale Wasserversorgung mit Wasserwerken und Verteilungsnetzen. Gleichzeitig mussten Abwasserleitungen gebaut werden. In den 1870er Jahren begannen Städte, sich intensiv damit zu beschäftigen, richteten eine zentrale Wasserversorgung ein und bauten kommunale Wasserwerke. Die Industrie suchte ebenfalls nach Lösungen für den steigenden Wasserbedarf.

Friedrich Grillo treibt die Wasserversorgung nach vorne

Abschied von der Kohle: Friedrich Grillo trieb die Wasserversorgung im Ruhrgebiet voran.

Friedrich Grillo

Auch der Essener Friedrich Grillo brauchte für seine Industrie-Unternehmen in Schalke mehr Wasser. Grillo war ein cleverer Kaufmann. Seine Spezialität war es, Kapital aufzutreiben; seine Passion war der Steinkohlebergbau. Er war an unzähligen Zechen-Unternehmen beteiligt. Und weil Zechen ohne Wasser und Energie nicht liefen, trieb Grillo gezielt diese Wirtschaftszweige voran. Er baute zunächst ein Wasserwerk in Steele, ein Gaswerk in Schalke (1871) und kaufte 1873 die Gaswerke in Gelsenkirchen. Vereinigt in der AG Gelsenkirchen-Schalker Gas- und Wasserwerke wuchs das Geschäft schnell.
Doch die Wasserinfrastruktur reichte nicht. Die Versorgungsprobleme wuchsen. Und auch die Trinkwasserqualität musste dringend verbessert werden: Verunreinigtes Abwasser, das in die Flüsse gleitet wurde, sorgte für Krankheiten.
1882 kaufte Grillo die Zeche Erin in Castrop, die fünf Jahre zuvor „abgesoffen“ und dann stillgelegt worden war. Der Essener ließ das Grundwasser aus der Grube pumpen. Doch dadurch sank der Grundwasserspiegel – einige Gemeinden in der Umgebung saßen daraufhin auf dem Trockenen. Grillo hatte die Wahl, entweder die Zeche zu schließen oder die betroffenen Orte mit Wasser zu versorgen.
Ganz Geschäftsmann wählte er die zweite Möglichkeit und beschloss, in Witten-Heven ein Wasserwerk an der Ruhr zu bauen. Grillo fand in der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft (GBAG) einen Partner. Denn mit dem Wasser aus Witten konnten weitere Zechen und auch die Bevölkerung versorgt werden. Bereits 1886 floss Wasser aus Witten nach Castrop.

Abschied von der Kohle: Mit der zeche Erin in Castrop und Friedrich Grillo begann die Geschichte von Gelsenwasser

Die Zeche Erin in Castrop irgendwann vor 1923. Friedrich Grillo kaufte sie 1882. Um die Zeche mit Wasser zu versorgen, baute er mit Partnern ein Wasserwerk in Witten. © Deutsches Bergbau-Museum Bochum / Montanhistorisches Dokumentationszentrum / montan.dok #024901954010

Start als „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“

Schnell erkannten Grillo und seine Partner, dass die Wasserversorgung in der Region noch viel größere Dimensionen annehmen musste – um mit der Industrie schritt zu halten. Ihre Vision: Die Wasserversorgung in weiten Teilen des Ruhrgebiets in eine Hand zu legen.
Gemeinsam mit dem Essener Bankier Moritz Beer, dem Wasserwerksdirektor Max Schmitt, dem Textilunternehmer Adalbert Colsmann und dem Geschäftsmann Gustav Waldthausen gründete er eine Aktiengesellschaft, aus der 1973 dann die GELSENWASSER AG hervorgehen würde: das „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“.
Die erste Generalversammlung erlebte Grillo nicht mehr mit. Er wurde im November 1887 in einer Nervenheilanstalt eingeliefert, wo er 1888 starb. Im gleichen Jahr verlegte das neue Unternehmen seinen Sitz vom Gelände der Zeche Erin nach Schalke. 1893 folgte dann schon der nächste Umzug des Unternehmens nach Gelsenkirchen.

Einstieg in die kommunale Wasserversorgung

Noch in den Gründungsjahren war das junge Versorgungsunternehmen gezwungen, sich auf Neues einzustellen. 1890 brannte die halbe Recklinghäuser Altstadt nieder, weil nicht genug Wasser zum Löschen in den Brunnen war. Danach wollte die Stadt an die öffentliche Wasserversorgung und ein leistungsfähiges Versorgungssystem angeschlossen werden. Sie schloss 1891 einen Konzessionsvertrag mit dem jungen Wasserwerk ab; weitere Städte folgten. Das war der Einstieg in die kommunale Wasserversorgung.
Seit 1898 gibt es daher eine Gelsenwasser-Betriebsstelle in Recklinghausen.

Geheime Verhandlungen mit der Stadt Unna

Abschied von der Kohle. Harte Arbeit war das in den Zechen, hier ein Trupp 1906.

Harte Arbeit im Pütt: Die Belegschaft der Zeche „Verlorener Sohn“ in Hattingen-Winz vor dem Stollenmundloch der Zeche, 1906. © Deutsches Bergbau-Museum Bochum / Montanhistorisches Dokumentationszentrum / montan.dok #027300018001 / Foto: Bregartner

Im Osten unseres Versorgungsgebiets, in Unna, lief es ähnlich. Und wieder hatte Friedrich Grillo seine Finger im Spiel. Er besaß dort die Zeche Königsborn und eine Saline. Für beide brauchte er Wasser. Deshalb gründete er 1888 gemeinsam mit der Stadt Unna die Unna-Königsborner-Wasserwerksgesellschaft. Er errichtete im Ruhrtal in Langschede ein Wasserwerk und plante Transportleitungen zu Bergwerken in Brambauer und Bergkamen.
Doch Grillo starb – und Unna stand plötzliche alleine da. Die Stadt sah sich dem heftigen Wettbewerb um die Wasserkunden nicht gewachsen – und nahm daher geheime Kooperationsverhandlungen mit dem „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“ auf. 1906 wurde der Vertrag geschlossen. Die Stadt Unna brachte die gesamte Gesellschaft in das Gelsenkirchener Unternehmen ein und wurde im Gegenzug erster kommunaler Aktionär.


 

AUSFLUGSTIPP VOM TEAM BLAU-GRÜN: Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle“

Zeitalter der Kohle - das Plakat zur AusstellungZum Abschied von der Kohle zeigen das Ruhr Museum und das Deutsche Bergbau-Museum Bochum eine faszinierende Zeitreise durch die geschichtlichen, technischen und kulturellen Dimensionen der Kohle. „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ läuft bis zum 11. November 2018 in den imposanten Hallen der Mischanlage auf der Kokerei Zollverein (UNESCO-Welterbe Zollverein) in Essen. Ihr macht dort eine Reise durch die vielschichtige und faszinierende Geschichte der Kohleförderung und ihrer Folgen in Europa. Außerdem gibt es ein tolles Begleitprogramm mit Führungen, Exkursionen und viele interessante Events. Prädikat: absolut empfehlenswert!

Das Zeitalter der Kohle – schaut Euch unbedingt die Ausstellung an.
Flyer Das Zeitalter Der Kohle
Website der Ausstellung
Begleitprogramm Das Zeitalter der Kohle
WDR-Bericht zur Ausstellung

Ein herzliches DANKESCHÖN an das Deutsche Bergbau-Museum Bochum und das Montanhistorische Dokumentationszentrum für die Unterstützung und die tollen Fotos.

 


LINKS & QUELLEN

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