Wassernerds
Dienstgang ins Dunkle
Mareike Roszinsky / 24. April 2026
Und mitten hinein in die Geschichte unserer Trinkwasserversorgung. Ein echter Hidden Place der Infrastruktur: das Innere eines Hochbehälters.
Ein Schritt ins Dunkle. Und plötzlich wird sichtbar, was kaum jemand sieht.
Ich war dort, wo sonst kaum jemand hinkommt: im Inneren eines der beiden historischen Trinkwasser‑Hochbehälter in Herten. Ein Ort, den die meisten von uns nie sehen, der aber für unsere Wasserinfrastruktur und die Trinkwasserversorgung elementar ist.
Ein echter Hidden Place der Infrastruktur!
Dunkel, still und alt – aber absolut zentral für die Wasserversorgung einer ganzen Region. Oft übersehen im Alltag. Unverzichtbar für alle.
Der westliche der beiden Hochbehälter wurde 1908 erbaut. Seit 118 Jahren sichert er – gemeinsam mit seinem jüngeren Nachbar-Turm (erbaut 1934/35) – die Wasserversorgung der Region. Was für eine Leistung! 2012 wurden sie zuletzt saniert und erhielten außen ihren charakteristischen Anstrich. Blau-grüne Landmarken.
Mit dem Schlauch wird Wasser durckvoll in den leeren Hochbehälter geleitet – damit säubern die Kollegen den Speicher.
Reinigung einmal jährlich
Nur, wenn der Behälter einmal im Jahr gereinigt wird, ist er für wenige Tage leer. Zwei bis drei Tage brauchen mehrere Kollegen der BD Recklinghausen dafür. Alles Handarbeit: Wasserhochdruck, Besen und Muskelkraft!
Ich bin ihnen gefolgt. Habe Anzug, Helm, Handschuhe und Gummistiefel angezogen. Auf der Leiter wurden die Stiefel desinfiziert. Ein paar Stufen hinauf, durch eine schmale runde Öffnung, nach rechts auf einen Steg ins Dunkle.
Die Kollegen haben Scheinwerfer aufgehängt. Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt haben, sehe ich:
- einen riesigen Zylinder – Platz für 4 Mio. Liter Trinkwasser
- eine schwarze, zwei Zentimeter dicke Stahlwand rundherum
- zwei Leitungen, durch die das Trinkwasser aus dem Wasserwerk Haltern rein- und rausfließt in die Haushalte
- tausende Nieten, die beim Bau einzeln per Hand eingeschlagen wurden
- vier Kollegen und deren Ausrüstung
Wenn die Reinigung abgeschlossen ist, wird der Behälter wieder mit Trinkwasser aus dem Wasserwerk Haltern gefüllt. Nachts auffüllen, tagsüber leer er sich. 43.070 Tage geht das schon so.
Vorgezogener Abschied
Die 120 Betriebsjahre wird er wahrscheinlich noch „vollmachen“. Dann geht der imposante „Kollege“ in Rente. Inzwischen sieht man ihm sein Alter an: Korrosion ist der „Zahn der Zeit“, der am Stahlkorpus nagt.
Gelsenwasser baut neue, moderne Hochbehälter in Recklinghausen, die Fertigstellung ist nach derzeitigem Planungsstand für 2028 geplant. Derzeit laufen die Planungen auf Hochtouren, im Laufe des Jahres soll der Bau starten. Der neue Hochbehälter ist eine Investition in die Versorgungssicherheit der Region, in Klimaresilienz und Zukunftsfestigkeit.
Der „Dienstgang in Dunkle“ ist zugleich ein vorgezogener Abschied. Ein bisschen wehmütig werde ich deshalb, als ich ehrfürchtig in Stahlzylinder stehe und versuche, die Erklärungen der Kollegen zu verstehen. Schon das eigene Wort versteht man kaum, so stark hallt es darin.
Im Inneren des Hochbehälters.
Drei persönliche Erkenntnisse
Drei Dinge, die mir im Inneren des Hochbehälters klar geworden sind:
- Dass wir mit unseren Job in der Unternehmenskommunikation unter anderem unsichtbare Infrastruktur durch Kommunikation sichtbar machen. Das ist für unser Team Job, Herausforderung und Herzensangelegenheit in einem.
- Dass bei Infrastruktur meistens das Unsichtbare entscheidend ist. Was die Kommunikation herausfordernd macht: Denn vieles muss auch aus Sicherheitsgründen verborgen bleiben!
- Dass es trotzdem wichtig und richtig ist, das Unsichtbare zu erklären, ohne dass die Sicherheit der Infrastruktur gefährdet wird. Denn so verstehen Außenstehende die Zusammenhänge – ohne Verstehen fehlen Akzeptanz und Wertschätzung für unsere Arbeit und Infrastruktur!
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