Trends, Tratsch und Strategien auf dem größten Branchentreff – der Handelsblatt Jahrestagung in Berlin. Dort wurde auch die Gelsenwasser-Studie zur Sektorkopplung diskutiert und die grundsätzliche Frage, wohin sich die Energiewirtschaft in Deutschland in nächster Zeit entwickelt.

Jedes Jahr im Januar veranstaltet das Handelsblatt die größte und bekannteste Tagung der Energiebranche in Berlin. Für das „Who is Who“ der Energiewirtschaft sind die drei Tage in der Hauptstadt eine Pflichtveranstaltung. Die Bedeutung spiegelt sich auch in der hochrangigen Rednerliste und der Qualität der Themensetzung wieder – meist wird eine Mischung aus echten Herausforderungen und Trends von morgen gefunden.

Aktuelle Ereignisse schweben natürlich immer über dieser Tagung: wie im Januar 2018 die Auseinandersetzungen um die Übernahme der E.ON-Abspaltung Uniper durch den finnischen Energieversorger Fortum und – das vielleicht noch zähere Ringen – um die Bildung einer neuen Bundesregierung. Verständlicherweise hielten sich die Gäste aus der Politik mit provokanten Aussagen zurück, zumindest wenn sie von Union und SPD waren, um die Verhandlungen nicht zu torpedieren. Trotzdem wurde deutlich, dass man sich nicht nur zur Befristung von Arbeitsverhältnissen und dem Familiennachzug von Flüchtlingen, sondern auch in energiepolitischen Fragen, wie der Einführung einer neuen CO2-Bepreisung, der Rolle der Braunkohle oder einer Umschichtung der Kosten der Energiewende, noch lange nicht einig ist.

Sektorkopplung mehr als „All-Electric“: Diskussion über Studie zum Wert der Gasnetze bei konkretem Klimaschutz

Die Verstärkung des Klimaschutzes im Wärmesektor wird in der nächsten Legislaturperiode ein Fokusthema. Lösungen sind hier sehr komplex aber dringend geboten. Die Diskussion um deren Vor- und Nachteile war daher erwartungsgemäß eines der spannendsten Panels dieser drei Tage.

Energietagung: Henning Deters, Vorstand von Gelsenwasser, diskutiert bei der Handesblatt Jahrestagung über die Zukunft der Energiewirtschaft.

Gelsenwasser-Vorstand Henning Deters: Die Akzeptanz der Menschen für die Energiewende darf nicht verloren gehen!

Henning Deters, Vorstandsvorsitzender der GELSENWASSER AG, diskutierte mit Stephan Kamphuis, Geschäftsführer Vier Gas Transport GmbH, Adrian Willig, Institut für Wärme und Oeltechnik e. V. (IWO) und Prof. Dr.-Ing Armin Schnettler, Siemens AG. Die Moderation übernahm Prof. Marc Oliver Bettzüge vom renommierten EWI-Institut der Uni Köln. Zuvor hatte Achim Südmeier, Vorstand der RheinEnergie AG die Ergebnisse der Studie mit Open Grid Europe und Gelsenwasser vorgestellt.

Deters sprach sich für ein verbindliches Ziel der CO2-Vermeidung für 2030 aus. Die Aufgabe des Ziels für 2020 sei verständlich, allerdings bestehe die Gefahr, dass einmal geübtes Verhalten sich eben oft wiederhole. Damit dies nicht passiere, solle man jetzt anfangen, sich genau anzusehen, wo man viel CO2 einsparen könne ohne die Kosten in Höhen zu treiben. Denn sonst ginge die Akzeptanz der Bürger für das Projekt Energiewende verloren. „Wenn wir neue Infrastrukturen aufbauen und damit die Netzentgelte für Industrie und Bürger vervielfachen, bekommen wir ein soziales Thema. Besser nutzt man also die bestehenden Infrastrukturen, macht sie intelligent und verzahnt sie miteinander“, so Deters. Power-to-gas sei eine solche technische Brücke, welche von Seiten der Politik konsequent in Ihrer Erforschung und Entwicklung unterstützt werden sollte. Denn nur dann sei man bis 2030 vielleicht schon so weit.

Branchenwandel – alles wird smart und dezentral, aber entscheidend ist die Kultur

Auffällig erscheint, dass sich 2018 die gesamte Tagung um IT-gestützte, digitale Themen drehte. Ebenso omnipräsent scheint nur die – vielleicht am Ende auch auf der Digitalisierung fußende – Erkenntnis, dass ein erheblicher Kulturwandel bevorsteht. Die Machtverschiebung vom Produzenten zum Kunden und die veränderte Ausrichtung der Produktentwicklung. Und die notwendige „Trial & Error-Mentalität“ bei der Entwicklung neuer, robuster Geschäftsfelder, bei der weniger die Zusammensetzung des Teams über den Erfolg von Innovation entscheidet als die Fähigkeit der Führungskräfte, den Mitarbeitern genug Freiraum und Sicherheit zu vermitteln. Redner wie der „Business Angel“ Frank Thelen, bekannt aus der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“, oder der Chief Evangelist von Google, Frederick Pferdt, hinterlassen mit ihren klaren, apokalyptisch-artigen Ansagen bleibende Eindrücke bei vielen Teilnehmern.

Man wird sehen, ob die Branche tatsächlich stirbt oder positive Antworten auf Trends wie Plattformökonomie, Quantencomputer, Blockchain oder den Siegeszug der Elektromobilität findet. Die vorhergesagten Entwicklungsschübe bei der Wind- und Solarenergie zumindest wären sicher willkommen. Vielleicht ergibt sich bereits auf der nächsten Tagung im Januar 2019 ein klareres Bild.

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25. Handelsblatt Jahrestagung „Energiewirtschaft 2018
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