Wenn die Aussicht zur Nebensache wird! Die Höhenrettung der Feuerwehr hat auf unseren Wassertürmen den Ernstfall geübt. In 32 Metern Höhe ging es via Seilbahn von einem Turm zum anderen. Und danach auch von oben nach unten, im Gurt und in der Trage. Ein Erlebnis – vor allem, wenn man als „Trainings-Patientin“ mitmacht.

Die zwei Gelsenwasser-Wassertürme an der Westerholter Straße zwischen Herten und Recklinghausen sind kleine Berühmtheiten. Jedes Jahr beim „Tag des offenen Denkmals“ stehen dort Menschen lange an, um die Plattform auf einem der Türme zu erklimmen und die Aussicht zu genießen.

Hoehenrettung auf dem Wasserturm

Für die Männer, die vergangene Woche auf den Plattformen hoch oben auf den Türmen standen, war die Aussicht reine Nebensache.  Für sie zählte nur eines: Wie kann man verletzte Menschen aus einer solchen Höhe bergen bzw. retten? Denn das ist die Aufgabe der Höhenrettung bei der Feuerwehr. Und unsere Wassertürme sind eines der „Lieblings-Trainingsreviere“ der Höhenretter aus der Umgebung.  Einen ganzen Vormittag haben sieben Feuerwehrmänner der Feuerwehren Recklinghausen, Haltern am See, Marl, Gladbeck und Herten dort Ernstfälle simuliert. Alle sind Teil der Höhenrettungsgruppe des Kreises Recklinghausen.

Die Wassertürme bieten viele Möglichkeiten, Ernstfälle zu proben

„Alle Höhenretter machen eine zusätzliche Ausbildung und wir müssen 72 Stunden pro Jahr üben. Wir trainieren jeden ersten Donnerstag im Monat“, erzählen sie. „Die Wassertürme sind dafür super geeignet: Man hat viele Möglichkeiten, viel Platz und – was am wichtigsten ist – die entsprechende Höhe.“
Die Jungs packen sich beschwingt ihre Ausrüstung auf den Rücken und schleppen sie ohne Probleme die 142 Stufen der schmalen Wendeltreppe im Wasserturm hoch. Schon das ist nichts für Menschen ohne Kondition. Oben angekommen, bauen sie auf: einen Seilzug mit Winde, die das Ziehen erleichtert. Die Stimmung ist locker, man erzählt und fachsimpelt. Gleichzeitig bereiten sich die Kollegen auf dem anderen Turm vor. Alle sind mit speziellen Gurten ausgestattet, an denen diverse Tools – Schlingen, Karabiner, Seile, Haken und vieles mehr – hängen. „Vieles davon wird im Klettersport verwendet“, erklären die Männer ihre Ausrüstung. Die wiegt allein sicherlich schon zwei, drei Kilo, dazu kommt die Schutzkleidung plus Helm, Visier/Brille und Sicherheitsschuhe. Ich schaue bei den Vorbereitungen zu. Es wird eine Seilbahn zwischen den beiden Türmen gezogen. 45 Meter sind zu überwinden – und das in 32 Meter Höhe. Gekonnt klettert der erste Feuerwehrmann über die Brüstung und wird von seinen Kollegen mit der Seilwinde auf den anderen Turm gezogen. Nach wenigen Minuten klettert er entspannt wieder über das Gelände. Der nächste bitte!

„Gesichert wird immer doppelt“, lerne ich und so wird immer alles in zweifacher Ausführung befestigt. Sicher ist sicher!

Längst sind alle hoch konzentriert. „Solche Übungsplätze in luftiger Höhe gibt es nicht viele in der Umgebung“, erklären die Feuerwehrmänner. Einsätze, bei denen Höhenretter gebraucht werden, kommen allerdings häufiger vor als man vermutet. „Dazu gehört ja auch die Tiefenrettung, wenn zum Beispiel jemand in eine Grube fällt“, erklärt mir Alex.

Höhenrettung an Gelsenwasser-Wassertürmen

Er ist es dann auch, der mich – die „Trainingspatientin“ – rettet, und zwar von der Plattform des Turms runter auf den sicheren Boden. Dazu bekomme ich einen speziellen Gurt  umgelegt, an dem er alle Strippen noch mal richtig festzieht. Sonst könnte es schneller runtergehen als gewünscht. 😉 Dann steigt er über das Geländer, ich muss hinterher – so zusagen ein „Tandem“ wie beim Fallschirmsprung. Das kostet schon Überwindung, obwohl ich kein Angsthase bin und auch kein Problem mit Höhe habe. Aber das Gefühl, den Höhenrettern vollständig vertrauen zu müssen, geht in Mark und Bein. Was, wenn es schief geht?

Eher unelegant schaffe ich es über die Brüstung, noch mit den Füßen auf einem kleinen Vorsprung. „Jetzt in die Hocke gehen und mit dem ganzen Gewicht in den Gurt hängen“, lautet seine Anweisung. „Und alles loslassen.“ Ok – da kribbelt es richtig in der Magengegend. Ein kleiner Ruck nach unten und ich hänge 32 Meter über dem Boden. Ganz schön windig heute. Langsam geht’s dann vorsichtig abwärts. Mein „Retter“ hängt direkt vor mir, da fühlt man sich tatsächlich sehr sicher. Nach wenigen Minuten haben wir wieder festen Boden unter den Füßen.

Höhenrettung mit einer Trage

Kurz Luft holen und dann Einsatz Nummer zwei für die „Trainingspatientin“: Wieder Treppe hoch, dieses Mal aber auf eine Zwischenetage. Von der ging es in einer Trage – verschnürt und eingepackt wie eine Mumie – abwärts. Dieses Mal begleitet mich Carsten, der sogar um die Trage herumklettert unterwegs. Bewegen kann man sich in der Trage nicht, weshalb ich von der „Fahrt“ abwärts nicht so viel mitbekomme. Da hat man nur den Himmel und einen Knoten-Dschungel im Blick. Unten werde ich schnell wieder „ausgepackt“.

Geschafft!

Männern und Material voll vertraut – das war ein tolles Erlebnis. Aber wenn ich bedenke, dass die Höhenretter das alles im Einsatz unter extremen Zeitdruck und mit wirklich schwer verletzten Menschen bewerkstelligen müssen… Da gibt es nur einen Versuch, um den Patienten zu sichern, und extrem viele Unwägbarkeiten. „Jeder Einsatz ist anders. Deshalb ist es wichtig, dass wir zum Beispiel wie hier an den Wassertürmen, regelmäßig trainieren“, wissen alle. „Damit man die richtige Entscheidung treffen kann.“

Hoehenrettung beim Aufbau auf dem Wasserturm

 

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