Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Deutschland ist eines der dominierenden Themen in der politischen Debatte. Am 21. September fand deshalb der Wohngipfel der Bundesregierung statt.

Dort wurden Eckpunkte beschlossen, wie man dem Trend entgegenwirken könnte, dass Wohnen immer knapper und vor allem teurer wird. In dieser Gemengelage wird es zu einer großen Herausforderung das Großprojekt „Wärmewende“ nicht aus den Augen zu verlieren. Wie können wir 67 % CO2 im Bereiche Gebäude bis 2030 einsparen? Wie kann dafür die Zahl der Sanierungen im Bestand endlich gesteigert werden? Quartiere sind das Schlagwort, in das gerade viele Seiten Hoffnung legen.

Großprojekt Wärmewände

In den letzten Monaten fanden immer mehr Diskussionsrunden unter dieser Überschrift statt. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es Bestrebungen die Wärmewände in Quartieren umzusetzen.
Im Verein KlimaDiskurs.NRW, in dem auch Gelsenwasser Mitglied ist, wurde am 20. September unter dem Titel „Wärme- & Kältewende: Welche Potentiale bieten Quartiere?“ mit dem Wirtschaftsministerium NRW diskutiert. Teilgenommen haben auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer IFAM und der TU Dortmund. Auffällig war erneut, dass in der Wohnungspolitik viele politische Ziele vereint werden müssen. Neben Klimaschutz geht es vor allem darum, soziale Aspekte mitzudenken.

Quartiere: Gelsenwasser-Politikexperte Dr. Arnt Baer bei der Veranstaltung von KlimaDiskurs.NRW zur Kälte- und Wärmewende

Gelsenwasser-Politikexperte Dr. Arnt Baer bei der Veranstaltung von KlimaDiskurs.NRW zur Kälte- und Wärmewende.

Keine einheitliche Definition für Quartiere

Doch worum handelt es sich bei Quartierslösungen? Für Quartiere existiert keine gesetzliche Definition. Im Gespräch mit anderen Interessierten, ist es häufig das gemeinsame Verständnis, dass über mindestens zwei Gebäude (eher mehrere) gesprochen wird, die in einem engen räumlichen Zusammenhang zueinander stehen. Denn ohne die räumliche Nähe macht es keinen Sinn über lokale Vorteile einer gemeinsamen Sanierung oder gar eines „Konzeptes“ nachzudenken. Ein einzelnes Wohnhaus ist kein Quartier, auch wenn solche Projekte manchmal auch als Solche diskutiert werden – selbst wenn es 200 Wohnungen umfasst.
Quartiere, welche die meisten im Auge haben, sind aber größer. Zumeist handelt es sich um eine „Konvertierungsfläche“, also eine Fläche, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt und daher „umgewandelt“ werden kann. Militärische Flächen sind der Klassiker und immer noch hoch aktuell. Seit der Entscheidung der britischen Regierung, ihre in Deutschland stationierten Streitkräfte 2020 endgültig abzuziehen, kommen gerade in der ehemaligen britischen Besatzungszone NRW, neue und große Flächen in Ostwestfalen für eine neue Nutzung in den Fokus. Interessant sind außerdem ehemalige Industriebrachen, die nach einer Sanierung als Wohnraum genutzt werden können. Oder natürlich Neubaugebiete, bei denen die Kommunen ihren Gestaltungsspielraum nutzen können, indem sie konkrete Vorgaben über das Planungsrecht für ein Wohngebiet machen können.

Viele Köche verderben nicht unbedingt den Brei, machen es aber aufwändig

Quartiere: Auf dem Podium diskutieren u.a. (v.l.) Matthias Nerger aus dem NRW-Wirtschaftsministerium, Dr. Stefan Gärtner vom Institut für Arbeit und Technik und Moderatorin Tina Teucher.

Auf dem Podium diskutierten u.a. (v.l.) Matthias Nerger aus dem NRW-Wirtschaftsministerium, Dr. Stefan Gärtner vom Institut für Arbeit und Technik und Moderatorin Tina Teucher.

Sobald mehrere Akteure beteiligt sind, wird es schwierig, ganzheitlich zu planen. Denn die Interessen sind unterschiedlich. Der eine will Klimaschutz betreiben, der andere ist auf eine bestimmte Technologie festgelegt – sei es auf Holzhackschnitzeln zur Wärmeerzeugung oder auf intelligente Steuerungstechnik. Der Dritte möchte sein Geld investieren und daher ein umfangreiches Paket umsetzen. Und der Vierte möchte seine Wohnung so günstig wie möglich vermieten und liebt seine unversehrte Stuckdecke. Oder aber seine Immobilie steht unter Denkmalschutz und darf nur bedingt verändert werden. Alle Interessen müssen herausgearbeitet und berücksichtigt werden. Der Aufwand für ganzheitliche Lösungen ist also hoch. Daher ist während der Planung ungewiss, ob die Lösung umgesetzt wird.

Kommunen mit zentraler Rolle bei der Wärmewende

Einig ist man sich, dass Quartiere am besten umzusetzen sind, wenn ein einzelner Eigentümer mehrere Gebäude nebeneinander entwickelt.
Der Kommune kommt daher eine zentrale Rolle zu. Nicht nur weil sie selbst viele Liegenschaften im Eigentum hält. An vielen Stellen nimmt die öffentliche Hand eine Vorreiterrolle ein und saniert oder plant sehr nachhaltig und effizient. Auch dann, wenn Sie in der Planungsphase eines Neubaugebietes ihre Möglichkeiten nutzt und Weichen stellt durch bauliche Vorhabenplanung oder einen Flächennutzungsplan. Bei den fachlichen Fragen lassen sich viele Kommunen beraten. Denn technisch sind unzählige Varianten möglich.
Gelsenwasser hat sich mit der Gemeinde Hünxe am Niederrhein diesen Fragen schon praktisch genähert. Gemeinsam haben wir ein „Klimaschutzteilkonzept“ erarbeitet, in dem sehr konkret auf die Potentiale im Gebäudebereich eingegangen wird.

Innovation City Bottrop ist Vorzeigeprojekt

Dass es geht, beweist das Projekt Innovation City Bottrop, dass nicht nur in sein eigenes Umfeld im Ruhrgebiet ausstrahlt sondern auch ins fernere Rheinland ausgeweitet wird. Die Sanierungsrate in Bottrop ist dreimal so hoch wie im gesamten Bundesgebiet, auch deswegen, weil dort auf sehr pragmatische Ansätze gesetzt wird. So werden auch sehr kleine Einheiten saniert und Lösungen umgesetzt, die nicht der ganz „große Wurf“ sind. Im Netzwerk „Quartiersentwicklung“, in dem auch Gelsenwasser engagiert ist, wird dies immer wieder deutlich. Am 4. September traf sich das Netzwerk in Herne zum 4. Netzwerktreffen des Projektes „InnovationCity roll out“. Vorgestellt wurden Best Practice-Lösungen und die nächsten notwendigen Schritte wurden diskutiert. Dazu gehörte auch sich sehr ehrlich über die Stolpersteine für Quartiersentwicklungen klar zu werden.

Initiativen wie die Innovation City Ruhr sind aktuell überall in Deutschland zu erkennen. Quer durch die Republik setzen sich vor Ort Partner zusammen und probieren Lösungen aus. Der Gesetzgeber könnte Lösungen in Quartieren mit einigen Änderungen spürbar unterstützen. Drängen wir darauf, dass die Wärmewende vor Ort Fahrt aufnimmt und einen aktiveren Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

 

Quartiere: Energieatlas NRW

Als Teil des Fachinformationssystems Energieatlas NRW bündelt das Wärmekataster des LANUV die Anlagendaten und Potenziale zur erneuerbaren und effizienten Wärmeversorgung in NRW.

 

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KlimaDiskurs.NRW
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Blog: Wärmewende und Klimaschutz

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Veranstaltung Wärmewende: © KlimaDiskurs.NRW