Energieminister Peter Altmaier stellte seine Strategie zum Ausbau der Stromnetze vor. Der Aktionsplan Stromnetze soll den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben. Nur mit entsprechender Infrastruktur ist der Kohleausstieg machbar.

Energieminister Peter Altmaier und sein Aktionsplan Stromnetze

Energieminister Peter Altmaier. © Bundesregierung/Kugler

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, stellte bereits zu Beginn seiner Amtszeit klar, dass der Ausbau der Stromnetze für ihn hohe Priorität hat. Dabei meint er zwar leider vor allem die großen Stromautobahnen, die nach dem eher „zentralen Modell“ den Windstrom aus dem windreichen Norden in den energiehungrigen Süden transportieren sollen. Wenn das klappen soll muss dringend etwas geschehen.

Denn nach aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur sind von den nötigen 7.700 Kilometern der großen Stromautobahnen derzeit nur 1.750 Kilometer genehmigt – und nur ganze 950 Kilometer realisiert.

Nun hat Peter Altmaier (CDU) fürs Erste seiner Ankündigung Taten folgen lassen und das Thema zumindest kommunikativ zur Chefsache gemacht. Am 14. August 2018 stellte er in Bonn mit dem Aktionsplan Stromnetze seine Strategie vor.
Einige Punkte der Strategie sollen zu einem schnelleren Ausbau neuer Netze führen, andere kurzfristiger wirken und die bereits existierenden Netze effektiver auslasten helfen. Leider fehlen konkrete Zeitpläne zur Umsetzung der Maßnahmen.

Aktionsplan Stromnetze: Bessere Kontrolle und mehr Präsenz soll helfen

Das Ministerium will neue Projekte durch besseres Controlling und mehr Präsenz beschleunigen. Große Projekte sollen alle sechs Monate ihre Fortschritte über mehrere Ebenen berichten: Es soll jeweils einen Bericht der Bundesnetzagentur geben, Gespräche auf Fachebene sowie einen Netzgipfel von Peter Altmaier mit den Länderministern. Bei jedem Termin werde überprüft, ob vorher gemeinsam getroffene Zielvereinbarungen umgesetzt worden seien. Gleichzeitig würden neue Ziele vereinbart. Wie gut diese Form der Unterstützung bei den Betreibern der Hochspannungsnetze aufgenommen wurde, lässt sich aktuell nur erahnen. Jedenfalls schienen die Probleme beim Netzausbau bislang nicht unbedingt mit unprofessioneller Projektarbeit zusammen zu hängen.

Mit regelmäßigen Treffen vor Ort und mit protestierenden Bürgerinitiativen möchte der Minister den mancherorts massiven Widerstand der Anwohner abbauen. Auftakt der „Charmeoffensive“ durch persönliche Präsenz war die dreitägige Reise mit Stationen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen vergangene Woche. Er besuchte Kraftwerke, Leitungen und Erdkabel-Baustellen und führte Bürgerdialoge. Ob diese Vorgehensweise hilft, wird man sehen. Dass sie die Landwirte vor Ort von ihrer Forderung einer „Bauernmaut“ abbringen wird, kann zumindest bezweifelt werden.

Der „Aktionsplan Stromnetze“ soll den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantrieben. Nur mit entsprechender Infrastruktur ist der Kohleausstieg machbar.

Der „Aktionsplan Stromnetze“ soll den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben. Nur mit entsprechender Infrastruktur ist der Kohleausstieg machbar.

Kürzere Planungsverfahren und schnellere Genehmigungen

Außerdem sollen die Planungsverfahren und Genehmigungszeiten für neue Leitungen auf bereits bestehenden Trassen verkürzt werden. Für Zündstoff wird der sicher im Grundsatz sehr gute Vorstoß sorgen, das Vorschlagsrecht der Länder für alternative Streckenplanungen zu beschränken. Die Idee rührt wohl aus den Erfahrungen um das Großprojekt „SuedLink“ und der Vorgehensweise der Landesregierung Thüringens, die dieses Mittel massiv nutzt. Mit einer vorausschauenden Strategie, etwa durch das Verlegen von Leerrohren, könne zudem ein höherer Transportbedarf in laufenden Verfahren noch berücksichtigt werden, heißt es weiter.
Bestandsnetze werden zusätzlich mit neuen Technologien und Betriebskonzepten optimiert. So können sogenannte Leiterseile eingesetzt werden, die höhere Temperaturen und Ströme aushalten. Spezielle Transformatoren sollen den Strom auf noch freie Leitungen umlenken. Auch die Möglichkeit eines vorzeitigen Baubeginns, bereits bevor auch noch der letzte Meter einer Leitung genehmigt ist, wird geprüft.

Anreize für Schnelligkeit?

Einige Aussagen zur Regulierung machen die Branche etwas nervös. Denn es wird angedeutet, der Netzausbau verzögere sich auch deshalb, weil es keine regulatorischen Anreize für Geschwindigkeit gäbe. Es bleibt abzuwarten, was das heißt. Wirtschaftliche Sanktion bei für säumige Projekte scheinen aber nicht der richtige Weg. Denn die Netzbetreiber haben auf zahlreiche Ursachen – gerade zu Beginn des Projektes faktisch überhaupt keinen Einfluss. Denn oft fehlt die Unterstützung vor Ort. Oder es bildet sich sogar massiver Widerstand bevor die Bauarbeiten überhaupt beginnen.

Intelligente Verteilnetze von mündigen Betreibern nötig

Der Ausbau der Überlandleitungen ist unverzichtbar. Er wird aber nicht reichen, gerade wenn auch Verkehr und Wärmmarkt stark elektrifiziert werden. Wichtig wird sein, das immer komplexere System optimal zu steuern, auch und gerade über die lokalen Verteilnetze. Denn hier sind die Erneuerbaren angeschlossen. Hier entnehmen die Menschen ihren Strom.

Zwei Kritikpunkte der Branche hat Peter Altmaier mit seiner Strategie nicht adressiert:

  1. Es fehlt laut dem Verband der Stadtwerke (VKU) an der Schnittstelle zwischen Übertragungsnetzen und Verteilnetzen an klaren Verantwortlichkeiten und der Einheit von Aufgabe, Verantwortung und Entscheidungshoheit. Jeder Stromnetzbetreiber sollte für die Steuerung seiner Netzebene verantwortlich sein. Wenn in den nächsten Jahren erheblich mehr Elektromobilität hinzukommt, sowie Mieterstrommodelle oder neue Strom-Wärme-Konzepte, wird eine klar abgegrenzte, eigene Verantwortung der Verteilnetze für das System noch bedeutender.
  2. Die Netze müssen intelligenter werden – also mit IT-Technik zur Steuerung und Kommunikation versehen werden. Durch das Hoch- und Herunterfahren von Kraftwerken sowie die Abregelung der Erneuerbaren mussten Bürger und Wirtschaft 2017 Kosten von über 1,4 Mrd. Euro für Netzsicherheit und Systemstabilität tragen. Hier sind die Anreize tatsächlich noch nicht ausreichend, um in die nötige operative Kompetenz zu investieren und nicht in Kapitalkosten (OPEX statt CAPEX) – also Kupferdraht. Zwar wurde die Anreizregulierung mit der letzten Novelle verbessert. Aber nicht konsequent. Um die Verteilnetze smart und damit fit für die Zukunft zu machen, müssen in den nächsten Jahren hohe operative Kosten getragen und refinanziert werden. Denn nur digitalisierte Netze können die neue Flut an Informationen verarbeiten. Das ist zum Steuern zwingend.

Der Minister hat schon eine Überarbeitung der Verordnung angekündigt. Laut Antwort auf eine sogenannte „kleine Anfrage“ der Opposition sind daneben mehrere Studien im Auftrag. Zum einen arbeitet man an der Relativierung des Einspeisevorrangs der Erneuerbaren (Mehr dazu). Zum anderen prüfe man Möglichkeiten, das Entgeltsystem zu verändern – um das System flexibler zu machen. Es tut sich also vermutlich Einiges zu den Netzen in den kommenden Monaten.
Am 20. September findet das erste Treffen des Bundesministers mit den Ministern der Länder statt, bei dem Altmaier hofft, diese mit ins Boot zu holen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit es ihm gelingt, dass auch sie das Thema Netzausbau zu einer Ihrer Top-Prioritäten machen. Für die Energiewende wäre das wichtig. Laut Berechnungen der Branche müssen in den kommenden Jahren alleine 40 Mrd. Euro in Technologie für die Intelligenz der Netze gesteckt werden.

LINKS
Pressemitteilung des BMWI
Aktionsplan als PDF
Spiegel Online
Handelsblatt

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Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie: © Bundesregierung/Kugler
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