Die „Kohlekommission“ hat ihre Arbeit aufgenommen. Doch der Kohleausstieg klappt nur, wenn die Verteilnetze mehr Verantwortung übernehmen, die Zusammenarbeit mit den Übertragungsnetzen verbessert und das System der Netzentgelte verändert wird.

Die Energiewelt blickt auf die „Kohlekommission“ (offiziell: „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“). Sie plant den Ausstieg aus dem Kohlestrom und begleitet den Strukturwandel in den betroffenen Regionen. Mittlerweile heißt sie je nach Interessenlage Kohleausstiegs-, Struktur- oder Strukturwandelkommission. Ihrem umfangreichen Auftrag nach, müsste sie eigentlich „Energiekommission“ heißen.

Kraftwerk Neurath BoA 2 & 3 am Rand des Braunkohle-Tagesbau Garzweiler: Seit Ende Juni arbeitet die "Kohlekommission". Sie soll das Datum für den Ausstieg aus dem Kohlestrom festlegen.

Kraftwerk Neurath BoA 2 & 3 am Rand des Braunkohle-Tagesbau Garzweiler: Seit Ende Juni arbeitet die „Kohlekommission“. Sie soll das Datum für den Ausstieg aus dem Kohlestrom festlegen.

Menschen und Industrie sind abhängig von bezahlbarem Strom

Denn es geht um mehr als nur die Frage, ob man sich den Kohleausstieg zutraut: Der Energieträger Kohle steht für hohe CO2-Emissionen, gewährleistet aber auch etwa 50 Prozent der Stromerzeugung. Die Bezahlbarkeit von Energie und Strom ist für ein Industrieland wie NRW noch wichtiger als für andere Regionen. Zu Recht sitzen daher die Industrieverbände mit am Tisch und weisen ebenso wie die Betreiber von Kohlekraftwerken darauf hin, dass man die Kosten eines Kohleausstiegs im Blick halten muss.

Auf die Verteilnetze kommt mehr Verantwortung zu

Am Ende wird die Zusammensetzung des Erzeugungsparks über die Frage gelöst, ob die nötige Infrastruktur steht. Nur dann kann man auf die großen Kraftwerke verzichten und die Erneuerbaren können die Verantwortung übernehmen. Eine Kilowattstunde Strom, die im November in Kiel erzeugt wurde, kann nicht im Frühling in Essen in der Aluminiumhütte verbraucht werden.
Strom muss gleichzeitig erzeugt und verbraucht werden. Das heißt, er muss dort erzeugt werden, wo er auch verbraucht wird. Oder er wird zuverlässig über weite Strecken transportiert, mit der Nebenfolge von unvermeidbaren Netzverlusten. Da Wind und Sonne schwerer voraussehbar sind und geringere Mengen erzeugen, müssen die Mengen gebündelt werden. Und das System muss schnell auf Schwankungen reagieren können.

Wenn der Kohleausstieg gelingen soll, müssen die Stromnetze belastbarer werden. Verteilnetze und Übertragungsnetze müssen besser zusammenarbeiten.

Wenn der Kohleausstieg gelingen soll, müssen die Stromnetze belastbarer werden. Verteilnetze und Übertragungsnetze müssen besser zusammenarbeiten.

Das alles spielt sich in den lokalen Verteilnetzen ab. 97 Prozent der Erneuerbaren sind an sie angeschlossen. Wir müssen den vor Ort erzeugten Strom auch möglichst in der Nähe verbrauchen.

Die großen Überlandleitungen quer durch die Republik können nur langsam gebaut werden. Und sie werden überall dort kritisiert, wo sie verlaufen sollen. Und selbst wenn man die nötigen Leitungen bauen könnte, steigen die Kosten der Energiewende damit deutlich. Laut ersten Aussagen der Übertragungsnetzbetreiber sind ganze acht neue modere, sogenannte HGÜ-Leitungen* nötig. Die bislang geplanten vier Leitungen sind aber nicht annährend fertig. Bereits heute machen die Stromnetzkosten in etwa 21. Mrd. Euro pro Jahr aus.

*HGÜ-Leitungen – kurz erklärt
HGÜ steht für Hochspannung-Gleichstrom-Übertragung. Durch solche Leitungen wird elektrische Energie mit hoher Gleichspannung (400 kV) über lange Strecken übertragen. Am Ende der Leitung wird die Energie dann in Umspannwerken auf niedrige Spannung transformiert. Mehr Infos

Zusammenarbeit der Netze muss sich weiter verbessern

Bislang liegt die Verantwortung für die Versorgungssicherheit bei den vier Betreibern der Übertragungsnetze. Folgerichtig haben diese den Überblick und die Kompetenzen, um – wenn nötig – auch auf die Ebenen darunter, die Verteilnetze, zuzugreifen. Die Informationen laufen im Wesentlichen bei ihnen zusammen.
Nicht nur im Themenfeld Digitalisierung, sondern auch beim Kerngeschäft der Netzsteuerung wird es aber notwendig sein, dass auch die Verteilnetzbetreiber alle Informationen haben und noch mehr Entscheidungen treffen. Wenn Menschen zu „Prosumern“ werden und der Strom künftig in beide Richtungen fließt, wird die Steuerung deutlich komplexer. Ideen für die künftige Zusammenarbeit sind bereits ausgearbeitet, z. B. das Kaskadensystem des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU).
In Baden-Württemberg haben die beiden großen Netzbetreiber beider Spannungsebenen, Transnet BW und Netze BW, vor kurzem verkündet, dass sie eine neue Form der Zusammenarbeit auf „Augenhöhe“ testen wollen. Auch in Berlin scheint über 50 Hertz und einige Verteilnetzbetreiber ein Umdenken stattzufinden. Zugegeben, hier dreht es sich um große Betreiber mit zum Teil identischen Anteilseignern, wo die Zusammenarbeit einfacher sein kann. Nicht muss. Trotzdem zeigen diese Beispiele die Richtung auf.

Der Kohleausstieg klappt nur, wenn die Erneuerbaren Energien optimal genutzt werden und die Infrastruktur stimmt.

Der Kohleausstieg klappt nur, wenn die Erneuerbaren Energien optimal genutzt werden und die Infrastruktur stimmt.

Verbrauch muss mehr gesteuert werden – System der Netzentgelte muss verändert werden

Die Betreiber der Übertragungsnetze haben in ihrem letzten jährlichen Langfristbericht, dem NEP mit ihren Prognosen, ein Stückweit Alarm geschlagen. Sie weisen darauf hin, dass bei einem kombinierten Kohle- und Kernenergieausstieg zu wenig Kraftwerke existieren, um den bekannten „Spitzenbedarf“ abzudecken.
Dabei ist zu bedenken, dass nur 25 Prozent des Stroms von Verbrauchern benötigt wird. Weitere 75 Prozent fragt die Industrie ab, für die Stromausfälle wirtschaftlich verheerende Auswirkungen haben können. Und dabei ist noch nicht die Rede von Extremsituationen wie der berühmten „Dunkelflaute“.

In letzter Konsequenz sagen sie im Grunde, dass wir uns einen Kohleausstieg nur leisten können, wenn wir die Erneuerbaren optimal einsetzen. Das bedeutet, Bedarf und Angebot zeitlich und räumlich perfekt aufeinander abzustimmen. Dafür braucht es im technischen Sinne „intelligente“, optimal ausgerüstete Verteilnetze. Und lokale Betreiber, die mit den nötigen Informationen und Kompetenzen ausgestattet sind, um die Versorgung bei sich vor Ort auszusteuern.

LINKS
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI): Pressemitteilung zur Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung
Tagesschau
Spiegel Online
Handelsblatt
Blog zur Energiepolitik der Bundesregierung
Blog zur Bedeutung der Gasinfrastruktur

FOTOS
Monteure auf Gitterstrommasten Datei: © fotolia.com/ #72667826/ Urheber: Christian Schwier
Stromnetzbetrieb-Monteur: © GELSENWASSER AG / Sascha Kreklau
Strommast und Windräder bei Nacht Datei: © fotolia.com/ #34829700/ Urheber: Thorsten Schier
Kraftwerk Neurath in der Nähe vom Braunkohletagebau Garzweiler: © GELSENWASSER AG