Glyphosat wurde 2017 von der EU-Kommission für weitere fünf Jahre zugelassen. Der weltweit meist genutzte Unkrautvernichter ist überall – auch in unseren Gewässern. Damit kann er für die Trinkwasserversorgung zum Problem werden.

Wir sehen, hören oder riechen es nicht, aber Glyphosat ist überall: in Pflanzen, Tieren, Böden und Gewässern, unserem Urin und unserer Nahrung. Ubiquitär (= allgegenwärtig) nennen Fachleute das. Umso lauter sind dagegen die Diskussionen über den Unkrautvernichter in Öffentlichkeit und Politik. Kaum ein Stoff ist derzeit weltweit so umstritten wie Glyphosat. Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während die Einen es als wahrscheinlich krebserregend einstufen, gehen Andere von keiner Gesundheitsgefahr für Mensch und Tier aus. Manche Verbraucher sind daher verunsichert.

Für Trinkwasser gilt ein strenger Grenzwert. Nach der Trinkwasserverordnung dürfen nur Spuren von nicht mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter im Wasser (µg/l, ein Millionstel Gramm) enthalten sein. Das entspricht einer Menge von einem Würfelzucker in einer Talsperre. Bei höheren Gehalten im Wasser muss im Wasserwerk mit einer teuren Aktivkohlestufe aufbereitet werden.

Sondierungsgespräche: schnelles Glyphosat-Aus

Glyphosat ist auch Thema bei den Sondierungsgesprächen in Berlin: CDU und SPD haben sich im Falle einer erneuten gemeinsamen Regierung (GroKo) vorgenommen, den Glyphosat-Einsatz national stark zu beschränken. Ziel ist, das Herbizid überhaupt nicht mehr zu verwenden.

Hintergrund: Krach in der Bundesregierung über Glyphosat

Ende 2017 kam es in der geschäftsführenden Bundesregierung zu einem heftigen Streit beim Thema Glyphosat. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte in Brüssel der Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters zugestimmt, anstatt sich wie bis dahin zu enthalten. Da Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine Verlängerung ablehnte, hätte sich Schmidt laut Geschäftsordnung der Bundesregierung enthalten müssen. Dieser Vorfall führte zu erheblichen Verstimmungen auf Seiten der SPD, die in ihm einen schweren Vertrauensbruch für die Zusammenarbeit sahen.

Wasserversorger an der Ruhr: Glyphosat und AMPA schon lange im Blick

Für Wasserversorger ist das Thema alles andere als neu. Die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), zu der auch Gelsenwasser gehört, untersucht bereits seit den 1990er Jahren das Roh- und Trinkwasser ihrer Wasserwerke auf Glyphosat und dessen Abbauprodukt AMPA. So konnte die AWWR viele Daten und Erkenntnisse sammeln.
Glyphosat und AMPA stehen auf der sogenannten Watch List der EU. Die Watch Liste ist eine Prüfliste. Das heißt, man überprüft in den nächsten Jahren anhand von Befunden, ob sie möglicherweise auf die Liste der prioritären Stoffe der EU-Wasserrahmenrichtlinie aufgenommen werden müssen.

Glyphosat ist im Ruhrwasser nur in geringen Konzentrationen bis maximal 0,1 µg/l nachweisbar.

Phosphonathaltige Reiniger sorgen für höhere AMPA-Werte

Phosphonathaltige Reiniger sorgen für höhere AMPA-Werte

Bei der Trinkwasseraufbereitung an der Ruhr wird das Rohwasser langsam mithilfe von Sand gefiltert und durch einen Aktivkohle-Filter gereinigt. Beide Methoden halten Glyphosat und AMPA erwiesenermaßen erfolgreich zurück.
Bei Untersuchungen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW und der AWWR-Wasserversorger wurde Glyphosat lediglich in sehr geringen Konzentrationen bis zu 0,1 Mikrogramm pro Liter (µg/l, ein Millionstel Gramm) in der Ruhr nachgewiesen. Dagegen wurden höhere Konzentrationen von AMPA gefunden (1 µg/l und mehr). Auffällig: Die Werte korrelieren aber nicht miteinander!
„AMPA tritt vor allem in Zeiten mit geringen Abflussmengen und einem erhöhten Anteil an gereinigtem Abwasser in der Ruhr im Sommer auf“, erklärt AWWR-Geschäftsführer Ulrich Peterwitz. Dabei nähmen die AMPA-Konzentrationen im Ruhrwasser von der oberen bis zur unteren Ruhr mit steigendem Abwasseranteil zu, sagt der Experte von Gelsenwasser. „Wir gehen daher davon aus, dass AMPA noch durch andere Ursachen gebildet wird und ins Ruhrwasser gelangt, zum Beispiel durch phosphonathaltige Haushaltsreiniger.“
Entscheidend: In allen Untersuchungen der AWWR-Mitgliedsunternehmen auf Glyphosat wurde dieser Grenzwert der Trinkwasserverordnung sicher eingehalten! Für AMPA, als so genannter „nicht relevanter Metabolit“* des Glyphosats, gilt der Grenzwert aber nicht. Aufgrund des geringen toxikologischen Potenzials wurde auch kein „Gesundheitlicher Orientierungswert“ (GOW) für AMPA im Trinkwasser festgelegt.

Analysen des Ruhrwassers: Glyphosat / AMPA in der Ruhr bei Fröndenberg und Mülheim

Glyphosat / AMPA in der Ruhr bei Fröndenberg und Mülheim

Die Ruhrwasseruntersuchungen der Mitgliedsunternehmen der AWWR auf Glyphosat und AMPA an der Ruhr von 2010 bis 2017 bestätigen die Messungen des LANUV (vgl. Grafik Nr. 2). Danach ist Glyphosat im Ruhrwasser nur in geringen Konzentrationen bis maximal 0,1 µg/l nachweisbar. Von AMPA sind jedoch Konzentrationen bis zu 2,0 µg/l im Ruhrwasser feststellbar.

Glyphosat ist Standard bei Bauer und Hobbygärtner

Der Siegeszug von Glyphosat in der Landwirtschaft begann in den 1970er Jahren. Heutzutage kaufen deutsche Bauern laut einer Studie der Universität Göttingen über 5.000 Tonnen des Breitbandherbizids pro Jahr. Hochgerechnet wird auf fast 40 Prozent aller Ackerflächen in Deutschland Glyphosat eingesetzt, besonders bei Raps (87,2%), Körnerleguminosen wie Soja (72,1%) und Wintergerste (65,9%). Glyphosat-haltige Mittel sind längst Teil des Ernte-Managements geworden.

„Es ist jedoch offenkundig, dass Glyphosat in vielen Fällen als Standardinstrument angesehen und dementsprechend häufig eingesetzt wird.“
Studie der Universität Göttingen

Seit Mai 2014 gibt es hierzulande Einschränkungen: Auf einer Fläche darf nur zwei Mal pro Jahr glyphosat-haltiges Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden – und dazwischen müssen mindestens 90 Tage liegen. Außerdem dürfen Landwirte nicht mehr als 3,6 kg Wirkstoff pro Hektar und Jahr verwenden. Vor der Ernte dürfen solche Unkrautvernichter nur in Ausnahmefällen aufs Feld gespritzt werden.
Auch deutsche Hobby-Gärtner kaufen glyphosat-haltige Unkrautvernichter für ihren Garten, immerhin 95 Tonnen pro Jahr. Auf befestigten Flächen, wie Wegen und Garageneinfahrten, ist die Anwendung aber nicht erlaubt.

Breitbandherbizid vernichtet alle Pflanzen

Glyphosat besteht u.a. aus Glycin und Phosphonat und wird als Säure oder Salz hergestellt. Es wird von Pflanzen über die Oberfläche wie die Blätter aufgenommen. Es wirkt nicht selektiv, d. h. eine ganze Reihe von Pflanzen wird bei dem Herbizid-Einsatz vernichtet.
Früher wurde das Mittel nur vor dem Aussäen eingesetzt. Seitdem es durch Gentechnik glyphosat-resistente Nutzpflanzen gibt, wird es auch nach Aussaat und Ernte verwendet. In der EU dürfen glyphosat-resistente Nutzpflanzen nicht angebaut werden. Aber sie werden importiert, als Tierfutter oder in Lebensmitteln.
Durch das Auftragen (Lösung oder Granulat), Regen und verrottende Pflanzenreste gelangt Glyphosat in den Boden. Es lagert sich an Bodenminerale an (Adsorption*) und wird kaum ins Grundwasser und Oberflächengewässer ausgespült.
Stattdessen verbleibt der Stoff im Boden (Halbwertszeit* 3 bis 240 Tage). Mikroorganismen sorgen dort für den – vergleichsweise schnellen – Abbau. Dabei entsteht Aminomethyl-Phosphonsäure, kurz AMPA. Deren Halbwertszeit liegt bei 78 bis 875 Tagen.
Im Wasser beträgt die Halbwertzeit von Glyphosat 27 bis 146 Tage.

Unser Experte Ulrich Peterwitz

Gelsenwasser-Experte Ulrich Peterwitz

Der Diplom-Geologe ist ein ausgewiesener, deutschlandweit renommierter Fachmann im Bereich Trinkwasserversorgung. Er arbeitet seit 1990 bei Gelsenwasser. Er leitet die Abteilung der Wasserwirtschaft (Arbeitsfelder: Wasserrechte, Wasserschutz, Ressourcenmanagement, Wasserpolitik) und ist zudem Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR) und Mitglied des DVGW-Lenkungskomitees W-LK-1 „Wasserwirtschaft, Wassergüte“.

Fragen zum Thema an unseren Fachmann? Dann schreiben Sie eine E-mail an blog@gelsenwasser.de.

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ERKLÄRUNGEN
*Halbwertszeit (HWZ) ist die Zeit, in der sich ein Wert halbiert, also in dem die Hälfte einer Substanz abgebaut wird. Die Halbwertszeit wird u.a. von der Bodenbeschaffenheit, Mikroorganismen, Temperatur und Niederschlagsmengen beeinflusst.
*Adsorption ist die Anlagerung von chemischen Stoffen auf Oberflächen von Feststoffen.
*Metabolit bezeichnet Substanzen, die als Zwischenprodukte oder Abbauprodukte bei Stoffwechselvorgängen entstehen.

LINKS & Quellen
BUND
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Agrar heute
NABU
Keine Gentechnik
Umweltbundesamt
Handelsblatt
Tagesschau

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