Beim „Parlamentarischen Abend“ von Gelsenwasser in Berlin diskutierten Experten über multiresistente Erreger. Vertreter aus Wasserversorgung, Landwirtschaft, Kläranlagen, Politik und Umweltschutz verständigten sich auf einen gemeinsamen Nenner. Die Forschung muss aber deutlich ausgebaut werden.

Gelsenwasser hat zum Thema multiresistente Erreger, kurz MRE, einen „Parlamentarischen Abend“ mit vielen Fachleuten und politischen Entscheidungsträgern bei der DUH (Deutschen Umwelthilfe) in Berlin veranstaltet. Eine der beiden Hauptursachen sind anerkanntermaßen Abwässer von Krankenhäusern. Genau da wird natürlich ein sehr hohes Risiko für die MRE-Verbreitung vermutet. Es macht daher aus Sicht vieler Sinn, Lösungen direkt an der Quelle im Krankenhaus zu testen und dann zügig anzuwenden, um die Erreger am Fortkommen in die Gewässer zu hindern. Zweite Ursache sind mangelnde Hygiene und übermäßiger Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht.

Prof. Dr. Georg Tuschewitzki vom Hygiene Institut des Ruhrgebiets verwies besonders auf die Hygiene. Bakterien kämen bekanntermaßen überall in der Umwelt vor und seien ja Teil des Reinigungsvorgangs. Das sei von der Frage der Krankheitserreger zu trennen. In der Medizin sei ein immer schärferes Bewusstsein für Prävention zu erkennen.

Für UBA besteht keine Relevanz für TrinkwasserArzneimittel-Rückstände, die im Wasser landen, können in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden.

Dr. Ingrid Chorus stellte die Sicht des Umweltbundesamtes (UBA) dar. Sie bestätigte inhaltlich die Mitteilung des UBA vom 25. April 2018, nachdem die Thematik für Trinkwasser wegen des geringen Expositionsrisikos kaum von Bedeutung sei. Laut UBA besteht nach derzeitigem Wissensstand im normalen Alltag weder durch Trinken noch bei der Körperreinigung mit Trinkwasser eine erhöhte Gesundheitsgefährdung durch antibiotikaresistente Bakterien. Voraussetzung sei allerdings die Einhaltung der Regeln und Standards der Trinkwasserversorgung. Anders sehe dies jedoch bei der Nutzung von Badegewässern aus, hier gelte es abgestuft vorzugehen. Patienten mit einem geschädigten Immunsystem sei vom Baden in nicht zugelassenen Gewässern abzuraten. Das UBA betont die Bedeutung der Zulassungen von Arzneimitteln und der Prüfung von Umweltverträglichkeit für die gesamte Diskussion um die Spurenstoffe. Nicht immer wurden die beiden Themen voneinander abgegrenzt.“

Keine Technik kann sämtliche Stoffe aus dem Abwasser holen

Probenahme in der Kläranlage: Multiresistente Erreger bereiten den Kläranlagen große Sorgen.

Dr.-Ing. Issa Nafo, von EGLV (Genossenschaft-Verband Emscher-Lippe), stellte die Problematik aus Sicht des Kläranlagenbetreibers dar. Es gebe keine Technik, die sämtliche Stoffe aus dem Abwasser holen könne. Würde man sämtliche Erreger entfernen wollen, so müsse man automatisch 2-3 Technologien neu bauen und miteinander kombinieren. Hierbei könnten dann unerwünschte Nebenprodukte entstehen, es sei dennoch nicht garantiert, dass resistente Erreger sich keine neuen Träger in Form von Umweltbakterien suchten.

Landwirtschaft: problembewusst, aber wirtschaftlich sehr unter Druck

Auch Dr. Michael Drees von der Bundestierärztekammer stellte sich der Debatte. Er wies daraufhin, dass bereits viel passiert sei und der Einsatz von Antibiotika bei der Tierhaltung in den letzten Jahren bereits halbiert worden sei.
Die Landwirtschaft sei aus seiner Sicht hierzu sehr problembewusst, stünde aber unter großem wirtschaftlichen Druck aufgrund des globalen Wettbewerbs. Daher sei aus seiner Sicht der Hebel bei einer fairen Handelspolitik der Lebensmittelketten und einem stärkeren Bewusstsein der Verbraucher anzulegen. In der Humanmedizin soll Colistin als „letztmögliches Antibiotikum“ in lebensbedrohlichen Situationen eingesetzt werden. Dagegen wird es heute bereits vor allem in der Geflügelmast in größeren Mengen eingesetzt.

Der Gewässerkundler Prof. Dr. Thomas Berendonk, Institut für Hydrobiologie, Technische Universität Dresden, kritisierte zum Beispiel die hierzu noch sehr dünne Datenlage, die es nicht ermögliche, qualifizierte Erkenntnisse daraus abzuleiten. Hierfür seien weitere Verbundprojekte notwendig. Wie auch am darauf folgenden Tag im Bundestag empfahl er die Nutzung eines „Indikatorbakteriums“ und die Weiterverfolgung der Abwasserarbeiten mit einer Prüfung der Veränderungen der Resistenzgenzahlen. Er bestätigte, dass es bisher wenig Untersuchungen im Grundwasser gebe, und die Bodenpassage hygienisches stark reduziere.

Es wurde deutlich, dass die Fachwelt sich tiefgreifende Erkenntnisse von den beiden Forschungsvorhaben des BMBF „RiSkWa“ und vor allem das vielzitierte Projekt HyReKA verspricht, insbesondere im Hinblick auf die Eintragspfade für multiresistente Erreger und auf das quantitative Verhältnis dieser Pfade zueinander. Letzteres Projekt soll 2019 Ergebnisse hervorbringen. Einige Teilnehmer äußerten die Bitte an die Politik, die nötige Geduld trotz der öffentlich zum Teil aufgeregten Debatte aufzubringen.

Anhörung zu multiresistenten Keimen im Deutschen Bundestag

Gleich drei Teilnehmer des Abends blieben über Nacht in Berlin, hatten sie doch am Folgetag einen weiteren Einsatz zu dem Thema multiresistente Erreger im Deutschen Bundestag.
Denn die Ausbreitung multiresistenter Keime stand auch im Mittelpunkt einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Umwelt, die auf Antrag der Fraktion der Grünen stattfand. Im Rahmen der Anhörung wurden Ursachen, Maßnahmen, Forschungsbedarf und künftige Strategien diskutiert. Zu Wort kamen nicht weniger als acht Sachverständige, unter anderem der Vorsitzende der Trinkwasserkommission, Prof. Dr. Dr. Martin Exner vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit, Prof. Dr. Berendonk oder Friederike Vietoris aus dem Umweltministerium NRW.

Hier gibt es eine kurze schriftliche Zusammenfassung und die Anhörung nochmal in ihrer vollen Länge.
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw24-pa-umwelt-keime/554304

Anhörung zu multiresistenten Keimen am 13. Juni.

Anhörung zu multiresistenten Keimen am 13. Juni.

Im Grunde konnte sich die Sachverständigen auf den gemeinsamen Nenner verständigen, dass die Forschung in verschiedenen Punkten deutlich ausgebaut werden muss. Auch hier betonten die Abwasserexperten, dass eine zusätzliche Reinigungsstufe keine Lösung bietet. Selbst wenn eine vernünftige Technologie oder Kombination gefunden würde, wäre diese aufgrund des sehr hohen Energieeinsatzes sehr teuer.
Notwendig sei eine Lösung an der Quelle. Es wurde deutlich herausgearbeitet, dass die kommunale Abwassertechnik für eine zielgerichtete Beseitigung zu energie- und kostenintensiv für die Beseitigung der multiresistenten Erreger ist. Je nach Methode der Aufbereitung entstehen hohen Kosten für die Abwasserreinigung von Spurenstoffen und multiresistenten Keimen. Daher sei die 4. Reinigungsstufe nicht die Lösung. Der Umweltausschuss des Deutschen Bundestages wird im nächsten Schritte die Anhörung und die Ergebnisse der Beratung in den anderen Ausschüssen auswerten.

Anhörung zu multiresistenten Keimen im Landtag NRW

Am 20. Juni 2018 gab es außerdem eine Debatte im NRW-Landtag. Die neue Umweltministerin Ursula Heinen-Esser stellte ihre Pläne zur Bewältigung des Themas vor. Die Unterlagen dazu finden Sie hier.

 

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Wasserversorgung und Gewässerschutz im Koaltionsvertrag

FOTOS

Probenahme Kläranlage: © GELSENWASSER AG / Andreas Weiß
Medikamente: © fotolia.com / #77015870 / Urheber: Stillfx
Wasserprobe Labor: © Steinbach Fotografie